Die digitale Spaltung ist also insgesamt nur ein Sekundärphänomen, sie ist nicht selbst ein Problem. Die sozialen Unterschiede, denen entlang sie verläuft, bestehen zwischen gut und schlecht Verdienenden oder zwischen gut und schlecht Gebildeten - und diese Ungleichheit besteht eben nicht wegen der ungleichen Internetnutzung auf den beiden Seiten, geschweige denn könnte sie aufgehoben oder gelindert werden durch den Zugang aller zum Netz.
von Guido Mingels im Text Die Revolution, die keine war (2005) Die Rede vom «digitalen Graben» hat öfter nur zugedeckt, dass der Graben – mindestens in unseren Breitengraden – eher eine diskursive Konstruktion oder etwas salopper gesagt, ein Grübchen ist. Die Gleichung Zugang zur Bildung ist Zugang zum Internet stimmt, mindestens für die Schweiz nicht, auch wenn die Medien, sekundiert von Technologie- Experten dies eine Zeitlang suggerierten. Ein wirklicher Graben droht dort, wo es an Neugier, Interesse und möglicherweise an noch viel handfesteren Dingen wie Lesefähigkeit mangelt.
von Dominik Landwehr in der Zeitschrift Bildung Schweiz 10a/2006 (2006) im Text Nicht das Internet, die Neugier ist entscheidend Vor einigen Jahren verstand man unter digitalem Graben noch die Kluft, welche die Informationstechnologie zwischen solchen schafft, die Zugang dazu haben und jenen, die keinen Zugang haben. Immer mehr zeichnet sich ab, dass das Problem an ganz anderer Stelle liegt. Fast alle haben die Möglichkeit heute, aber nicht alle nutzen sie auf sinnvolle Weise. Der digitale Graben öffnet sich zwischen jenen, die Technologie zur persönlichen Entwicklung zu gebrauchen verstehen, und jenen, die damit einzig aus der Realität flüchten. Der Fachausdruck dafür heisst Eskapismus. An sich ist das kein neues Phänomen. Schon bisher gibt es beispielsweise Leser von Büchern, die daraus nichts lernen (in einem weiten Sinn verstanden) und nur ihre Zeit totschlagen, und solche, die privat, beruflich und/oder in ihrer Sozialkompetenz aus Büchern lernen. Die neuen Technologien mit ihrem immensen Potenzial verstärken diese Kluft in der Wissensgesellschaft, wo Informationen zwar vorhanden sind wie nie zuvor, diese an sich aber noch nichts nützen, wenn man nicht versteht, aus Informationen sinnvolle Inhalte zu destillieren.
von Georges T. Roos im Text Das iPhone in der Schultheke (2009) Unter dem Schlagwort 'digital divide' fand in den zurückliegenden Jahren eine umfangreiche
öffentliche Auseinandersetzung um den Einfluss der neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien auf die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und
somit auf die Gewährleistung von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit in der
Informationsgesellschaft statt. Ausgangspunkt der Diskussion ist die empirisch beobachtbare
Tatsache, dass diese Technologien, und dabei insbesondere das Internet, sich
zwar mit grosser Geschwindigkeit ausbreiten, diese Ausbreitung allerdings sozial sehr
heterogen erfolgt. Die sich daraus ergebenden Differenzen im Technologiezugang verschiedener
sozialer Gruppen werden als Zugangsklüfte bezeichnet. Problematisch an
diesen Zugangsklüften ist, dass vor allem solche sozialen Gruppen von den Anwendungsmöglichkeiten
von Computer und Internet ausgeschlossen bleiben oder zumindest
in der Gruppe der Nutzer unterrepräsentiert sind, die ohnehin schon zu den unterprivilegierten
Schichten der Gesellschaft gehören. Aus der Deutung dieser Zugangsungleichheiten
als Vorboten einer neuen Zweiklassengesellschaft, mit einer technologieaffinen Informationselite auf der einen Seite und einer technologieabstinenten Informationsparia
auf der anderen Seite, ergibt sich ein Bedrohungsszenario, dem auf der Policy-Ebene mit zahlreichen Fördermassnahmen begegnet wird, deren generelles Ziel in der Gewährleistung eines Internetzugangs für alle Bürgerinnen und Bürger besteht.
von Mirko Marr in der Zeitschrift Medien im Lebenszusammenhang (2003) im Text Soziale Differenzen im Zugang und in der Nutzung des Internet