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Dataismus

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iconSynonyme

Dataismus, dataism

iconDefinitionen

Dem Dataismus zufolge besteht das Universum aus Datenströmen, und der Wert jedes Phänomens oder jedes Wesens bemisst sich nach seinem bzw. ihrem Beitrag zur Datenverarbeitung.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Die heutige Datensammelwut betrifft nicht nur die NSA. Sie ist der Ausdruck eines neuen Glaubens, den man Dataismus nennen könnte. Er erreicht im Moment fast religiöse oder totalitäre Züge. Auch die Big-Data-Euphorie huldigt diesem Glauben des digitalen Zeitalters.
Von Byung-Chul Han im Text Dataismus und Nihilismus (2013)
If you asked me to describe the rising philosophy of the day, I’d say it is data-ism. We now have the ability to gather huge amounts of data. This ability seems to carry with it certain cultural assumptions — that everything that can be measured should be measured; that data is a transparent and reliable lens that allows us to filter out emotionalism and ideology; that data will help us do remarkable things — like foretell the future.
Von David Brooks im Text The Philosophy of Data (2013)
Big data is also the vehicle for a point of view, or philosophy, about how decisions will be - and perhaps should be - made in the future. David Brooks, my colleague at the New York Times, has referred to this rising mind-set as “data-ism" - a term I’ve adopted as well because it suggests the breadth of the phenomenon. The tools of innovation matter, as we’ve often seen in the past, not only for economic growth but because they can reshape how we see the world and make decisions about it
Von Steve Lohr im Buch Data-Ism (2015)
In The New York Times kündigt David Brooks eine Daten-Revolution an. Prophetisch ist seine Ankündigung wie The End of Theory von Chris Anderson. »Dataismus« heißt dieser neue Glaube: »Wenn Sie mich fragen würden, welche Philosophie heute im Kommen ist, so würde ich sagen: Dataismus. Wir haben nun die Möglichkeit, große Mengen an Daten zu sammeln. Diese Fähigkeit scheint eine gewisse kulturelle Annahme mit sich zu bringen, dass alles, was gemessen werden kann, auch gemessen werden soll, dass Daten eine transparente und zuverlässige Linse sind, die uns erlaubt, emotionale oder ideologische Voreingenommenheiten herauszufiltern, dass Daten uns zu bemerkenswerten Dingen befähigen, z.B. die Zukunft vorauszusagen. […] Die Daten-Revolution gibt uns ein wunderbares Mittel in die Hand, die Gegenwart und die Zukunft zu verstehen.«
Von Byung-Chul Han im Buch Psychopolitik (2014)
Ralf LankauDas Grundprinzip: Das gesamte menschliche Verhalten an Rechnern und smarten Geräten wird verdatet. Jedes Tippen und Wischen wird erfasst, mit Kameras, Mikrofonen und Sensoren werden Gesichtsausdruck und Stimme aufgezeichnet und um Bewegungsdaten ergänzt. Daraus lassen sich immer exaktere Verhaltensmuster und Persönlichkeitsprofile generieren. Diese Profile sind die Grundlage, um Menschen durch digitale Angebote und Dienste in ihren Meinungen und ihrem Verhalten zu beeinflussen. Der Begriff dafür ist Dataismus. Der Mensch wird durch seine Aktionen im Netz zum permanenten Datenspender. Der Mensch ist für Dataisten nur noch ein „Instrument“, um einen möglichst großen Datenpool für das „Internet der Dinge“5 zu schaffen, das Generieren dieser Daten für die automatisierte Auswertung seine Aufgabe. So entstünde „ein kosmische Datenverarbeitungssystem, das wie Gott“ wäre.
Von Ralf Lankau im Text Digitalisierung als De-Humanisierung von Schulen (2019)

iconBemerkungen

Wie der Kapitalismus begann auch der Dataismus als neutrale wissenschaftliche Theorie, doch nun mutiert er zu einer Religion, die für sich in Anspruch nimmt, über richtig und falsch zu bestimmen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Der Dataismus ist weder liberal noch humanistisch. Er ist deshalb freilich keineswegs antihumanistisch. Er hat nichts gegen menschliche Erfahrungen. Er glaubt nur nicht, dass sie für sich genommen einen Wert haben.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Vielleicht lehnen sie die Vorstellung ab, dass Organismen Algorithmen sind und Giraffen, Tomaten und Menschen nur unterschiedliche Methoden der Datenverarbeitung. Aber sie sollten wissen, dass das gängige wissenschaftliche Lehre ist und unsere Welt gerade bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Ralf LankauData-Ismus und Transhumanismus sind Religion und Heilslehren, keine Wissenschaft. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind sie die Grundlage der heutigen Daten-Ökonomie. Digitalisierung und die sog „Künstliche Intelligenz“ sind die goldenen Kälber, die auf den Altären der Technikgläubigkeit stehen.
Von Ralf Lankau im Text Worauf ich Wert lege, wenn es um die zunehmende Digitalisierung geht... (2019)
Der Dataismus geht wohl mit einem Nihilismus einher. Der Dataismus ergibt sich aus Verzicht auf Sinn und Zusammenhänge, die Daten sollen die Sinnleere füllen. Die ganze Welt zerfällt in Daten, und wir verlieren dabei größere, höhere Zusammenhänge immer mehr aus dem Blick. In dem Sinne sind Dataismus und Nihilismus zwei Seiten einer Medaille.
Von Byung-Chul Han im Text Dataismus und Nihilismus (2013)
Der Dataismus tritt mit der Emphase einer zweiten Aufklärung auf. In der ersten Aufklärung war es die Statistik, der man die Fähigkeit zutraute, das Wissen vom mythologischen Inhalt zu befreien. So wurde die Statistik von der ersten Aufklärung euphorisch gefeiert. Angesichts der Statistik sehnte sich Voltaire sogar eine Geschichte herbei, die bereinigt ist von der Mythologie.
Von Byung-Chul Han im Buch Psychopolitik (2014)
Der Kapitalismus hat den Kommunismus nicht deshalb besiegt, weil der Kapitalismus moralischer war, weil individuelle Freiheiten heilig sind oder weil Gott auf die heidnischen Kommunisten wütend war. Der Kapitalismus hat den Kalten Krieg gewonnen, weil verteilte Datenverarbeitung besser funktioniert als zentralisierte, zumindest in Zeiten beschleunigten technologischen Wandels.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Am festesten verankert ist der Dataismus in seinen beiden Mutterdisziplinen: der Computerwissenschaft und der Biologie. Die wichtigere von beiden ist die Biologie. Es war schließlich die biologische Übernahme des Dataismus, die aus einem begrenzten Durchbruch in der Computerwissenschaft eine welterschütternde Umwälzung machte, die womöglich die Natur des Lebens vollkommen verändert.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Zahlen und Daten werden heute nicht nur verabsolutiert, sondern auch sexualisiert und fetischisiert. »Quantified Self« etwa wird geradezu mit einer libidinösen Energie betrieben. Der Dataismus entwickelt insgesamt libidinöse, ja pornographische Züge. Dataisten kopulieren mit Daten. So spricht man inzwischen auch von »Datasexuellen«. Sie seien »unerbittlich digital« und hielten Daten »für sexy«. Der digitus nähert sich dem phallus.
Von Byung-Chul Han im Buch Psychopolitik (2014)
Der Imperativ der zweiten Aufklärung lautet: Alles muss Daten und Information werden. Dieser Daten-Totalitarismus oder Daten-Fetischismus beseelt die zweite Aufklärung. Der Dataismus, der glaubt, jede Ideologie hinter sich lassen zu können, ist selbst eine Ideologie. Der Dataismus führt zu einem digitalen Totalitarismus. Notwendig ist daher eine dritte Aufklärung, die uns darüber aufklärt, daß die digitale Aufklärung in Knechtschaft umschlägt.
Von Byung-Chul Han im Buch Psychopolitik (2014)
Im 21. Jahrhundert jedoch sind Gefühle nicht mehr die besten Algorithmen auf der Welt. Wir entwickeln gerade überlegene Algorithmen, die sich auf beispiellose Rechenleistung und riesige Datenbanken stützen können. Die Algorithmen von Google und Facebook wissen nicht nur genau, wie Sie sich fühlen, sondern wissen unzählige weitere Dinge über Sie, die Sie kaum für möglich halten. Folglich sollten Sie nicht mehr auf Ihre Gefühle hören, sondern auf diese externen Algorithmen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Der Dataismus erweist sich als digitaler Dadaismus. Auch der Dadaismus verzichtet auf jeden Sinnzusammenhang. Die Sprache wird ganz ihres Sinnes entleert: »Die Geschehnisse des Lebens haben weder Anfang noch Ende. Alles verläuft auf sehr idiotische Weise. Deswegen ist alles gleich. Die Einfachheit heißt Dada.«[47] Dataismus ist Nihilismus.[48] Er verzichtet ganz auf Sinn. Daten und Zahlen sind additiv und nicht narrativ. Sinn beruht dagegen auf der Narration. Daten füllen die Sinnleere.
Von Byung-Chul Han im Buch Psychopolitik (2014)
Dem Dataismus zufolge sind menschliche Erfahrungen nicht heilig und Homo sapiens ist nicht die Krone der Schöpfung oder der Vorläufer irgendeines künftigen Homo deus. Menschen sind lediglich Instrumente, um das «Internet aller Dinge» zu schaffen, das sich letztlich vom Planeten Erde aus auf die gesamte Galaxie und sogar das gesamte Universum ausbreiten könnte. Dieses kosmische Datenverarbeitungssystem wäre dann wie Gott. Es wird überall sein und alles kontrollieren, und die Menschen sind dazu verdammt, darin aufzugehen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Eine kritische Überprüfung des dataistischen Dogmas ist vermutlich nicht nur die größte wissenschaftliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts, sondern auch das drängendste politische und ökonomische Projekt. Insbesondere Forscher in den Bio- und Gesellschaftswissenschaften sollten sich fragen, ob uns nicht etwas entgeht, wenn wir das Leben als bloße Datenverarbeitung und Entscheidungsfindung verstehen. Gibt es vielleicht etwas im Universum, das sich nicht auf Daten reduzieren lässt? Nehmen wir einmal an, nicht-bewusste Algorithmen könnten irgendwann die bewusste Intelligenz bei sämtlichen bekannten Datenverarbeitungsaufgaben übertreffen – was ginge, wenn überhaupt, verloren, wenn man bewusste Intelligenz durch überlegene nicht-bewusste Algorithmen ersetzt?
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Im Zuge dessen kehrt der Dataismus die traditionelle Erkenntnispyramide um. Bislang galten Daten lediglich als der erste Schritt in einer langen Kette geistiger Aktivität. Man ging davon aus, dass Menschen aus Daten Informationen gewannen, Information in Wissen verwandelten und Wissen in Klugheit. Dataisten dagegen glauben, dass Menschen die ungeheuren Datenströme nicht mehr bewältigen können und deshalb Daten nicht mehr zu Informationen und schon gar nicht mehr zu Wissen oder Klugheit destillieren können. Die Arbeit der Datenverarbeitung sollte man deshalb elektronischen Algorithmen anvertrauen, deren Kapazitäten die des menschlichen Gehirns weit übertreffen. Dataisten sind also, was menschliches Wissen und menschliche Klugheit angeht, skeptisch und vertrauen lieber auf Big Data und Computeralgorithmen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Für Politiker, Unternehmer und ganz gewöhnliche Konsumenten hat der Dataismus grundstürzende Technologien und ungeheuere neue Möglichkeiten im Angebot. Für viele Wissenschaftler und Intellektuelle verspricht er zudem den Heiligen Gral zu liefern, der uns seit Jahrhunderten versagt bleibt: eine einzige übergreifende Theorie, die alle wissenschaftlichen Disziplinen von der Musikwissenschaft über die Ökonomie bis zur Biologie vereint. Glaubt man dem Dataismus, so sind Beethovens Fünfte Symphonie, König Lear und das Grippevirus nur drei Muster des Datenstroms, die sich mit den gleichen Grundbegriffen und Instrumenten analysieren lassen. Diese Vorstellung ist ungeheuer attraktiv. Sie verschafft allen Wissenschaftlern eine gemeinsame Sprache, überbrückt akademische Gräben und erleichtert den Export von Erkenntnissen über Fächergrenzen hinweg. Musikwissenschaftler, Ökonomen und Zellbiologen können sich endlich gegenseitig verstehen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Folgt man dieser Ansicht, so sind die freie Marktwirtschaft und der staatlich gelenkte Kommunismus keine konkurrierenden Ideologien, moralischen Überzeugungen oder politischen Institutionen. Im Kern handelt es sich um konkurrierende Datenverarbeitungssysteme. Der Kapitalismus setzt dabei auf verteilte Verarbeitung, während der Kommunismus auf eine zentralisierte Verarbeitung vertraut. Der Kapitalismus verarbeitet Daten, indem er alle Produzenten und Konsumenten direkt miteinander verbindet und es ihnen ermöglicht, Informationen frei auszutauschen und Entscheidungen unabhängig zu treffen. Wie legt man beispielsweise in einem freien Markt den Brotpreis fest? Nun, jede Bäckerei kann so viel Brot produzieren, wie sie will, und dafür so viel verlangen, wie sie möchte. Die Kunden sind gleichermaßen frei, so viel Brot zu kaufen, wie sie sich leisten können, oder ihr Geld zur Konkurrenz zu tragen. Es ist nicht illegal, für ein Baguette 1000 Euro zu verlangen, nur wird es wahrscheinlich niemand kaufen.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion
Das mag manchem als exzentrische Außenseitermeinung erscheinen, doch in Wirklichkeit hat sie bereits einen Großteil des wissenschaftlichen Establishments erobert. Entstanden ist der Dataismus aus dem rapiden Zusammenfluss zweier wissenschaftlicher Flutwellen. In den 150 Jahren seit der Veröffentlichung von Charles Darwins Schrift Über den Ursprung der Arten haben die Biowissenschaften Organismen zunehmend als biochemische Algorithmen betrachtet. Gleichzeitig haben Computerwissenschaftler in den acht Jahrzehnten seit Alan Turings Erfindung der nach ihm benannten Maschine gelernt, immer ausgeklügeltere elektronische Algorithmen zu entwickeln. Der Dataismus bringt die beiden Entwicklungen zusammen und verweist darauf, dass für die biochemischen wie für die elektronischen Algorithmen genau die gleichen mathematischen Gesetze gelten. Damit reißt der Dataismus die Grenze zwischen Tieren und Maschinen ein und geht davon aus, dass elektronische Algorithmen irgendwann biochemische Algorithmen entschlüsseln und hinter sich lassen werden.
Von Yuval Noah Harari im Buch Homo Deus (2015) im Text Die Datenreligion

iconVerwandte Objeke

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Verwandte Begriffe
(Cozitation)
Transhumanismus, big databig data, Kommunismus, quantified selfquantified self, Watson

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