
Das Schulfach Musik hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts vom Singunterricht im Interesse
von Kirche und Staat zu einem Fach verändert, das die verschiedensten Erscheinungsformen der
Musik, deren unterschiedliche Funktionen und die vielfältigen Umgangsformen mit ihr zum Gegenstand
hat. Wo Musik als ästhetisches Objekt zum Unterrichtsgegenstand wird, ermöglicht sie
eine Auseinandersetzung von Menschen mit Menschen und deren Umwelt, die nicht ausschließlich
rational geprägt ist, sondern emotionale und affektive Möglichkeiten einschließt. Damit sorgt
der Musikunterricht – bisweilen in Gemeinschaft mit Fächern wie Kunst und Sport – für ein Gegengewicht
zu einer vorwiegend rational geprägten Weltsicht. Allerdings ist dieses Gegengewicht
keinesfalls dadurch gekennzeichnet, dass hier ausschließlich Spiel und Spaß die Arbeit ablöst.
Vielmehr verlangen die komplexen Verhältnisse im Bereich der Musik im Rahmen von Unterricht
durchaus eine Auseinandersetzung, die auch Leistung fordert. Insofern sind die stiefmütterliche
Behandlung des Faches Musik in den Stundentafeln der Grundschule, die oft unzureichende apparative
und räumliche Ausstattung sowie der nach wie vor große Mangel an Fachlehrern kaum
verständlich.
Im Spannungsfeld divergierender musikdidaktischer Positionen und gesellschaftlicher Ansprüche
wird der Musikunterricht in der Grundschule im Folgenden unter drei Aspekten betrachtet,
nämlich seiner Geschichte (sofern diese noch Auswirkungen hat), seinen musikdidaktischen
Konzeptionen (sofern diese noch relevant sind) und den musikpädagogischen Forschungen (sofern
diese wichtige Erkenntnisse für das Fach in der Grundschule liefern).