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Beats Biblionetz - Bücher

Jede Minute kostet 33 Franken

Emil Zopfi ,
Buchcover
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iconZusammenfassungen

Ich begegne nicht vielen Büchern, die mich ganz persönlich betroffen machen. Hier ist eins. Eine Frage voraus: Ist Literatur ein Frühwarnsystem? Aber zunächst ein paar Fakten. Der Titel lautet: «Jede Minute kostet 33 Franken». (...) Ich habe Zopfis Buch in die Hand genommen, herumgeblättert, habe festgestellt: Da fährt einer nachts zur Arbeit, kommt ins Büro, zwei Minuten Verspätung, offensichtlich eine Nachtschicht in einem Computer-Center. Geht mich, mich ganz persönlich das etwas an? Ich blätterte. Und ich sah fast auf jeder Seite, gross in den Text eingelassen, eine Zahl, etwa: 22.21 ... 22.27 ... Ich beginne als Leser zu kapieren. Da berichtet einer aus der Welt der Datenverarbeitung und er tut es so, dass er deren Prinzip, Einteilung aller Abläufe in Zeiteinheiten, zum Prinzip zugleich seines Romans macht. Da wurde ich neugierig. Das ist ein Formwille. Er drängt über die Formsprache des konventionellen Romans hinaus. Im Zentrum des Geschehens der Schlichtleiter Martin Kern. Er stand 1968 auf der Seite derer, die schon damals spürten, dass unser industrieller Fortschrittswahn uns und unsere Umwelt allmählich kaputt macht. Aber Kern hat resigniert. Er hat sich angepasst. Gewiss eine unglaublich anschauliche Beschreibung moderner Arbeitswelt. Jener der Operators an den Systemen 1045, 1065. Aber zugleich erzählt der Roman in Rückblenden und Gehirnstenogrammen was mit und was in diesen Männern während der Nachtschicht passiert. Fast lautlos summen die elektronisch gesteuerten Anlagen wie Kühlschränke vor sich hin. Ready... go... ready... go... (...) Den Aufsteiger Kern, so glaubt jedenfalls er, gehen die Daten, die hier verarbeitet werden, nichts an. Es sind die Daten eines schweizerischen Rüstungskonzerns. Aber diese Nachtschicht treibt ihn dann doch auf eine Existenzkrise zu. Möglich, dass er etwas Wichtiges wiedergefunden haben wird, die Einsicht etwa, dass es nur eine Chance gibt: Solidarität aller Abhängigen! Mit dieser Hoffnung entlässt uns der Roman. Tief mitbetroffen habe ich ihn aus der Hand gelegt. Zopfis Roman ist, bei allen Unterschieden, fast so etwas wie ein ferner, junger Verwandter jenes Homo Faber, mit dem Max Frisch 1959 die Frage nach der Verantwortung des Technikers für unsere Gesellschaft warnend gestellt hat. Noch einmal jene Frage: Ist Literatur ein Frühwarnsystem? Kein Zweifel, sie kann es sein. Dann nämlich, wenn ein solch brennendes Thema formal seine Deckung gewinnt. Das ist hier gelungen. So halte ich Emil Zopfis Roman für eines der wichtigsten Werke unserer neuen Literatur.
Von Otto F. Walter, erfasst im Biblionetz am 25.03.2002

iconBemerkungen zu diesem Buch

Nachwort nach 25 Jahren
Der Schriftsteller Otto F. Walter bezeichnete in einer Fernsehrezension das vorliegende Buch als «Frühwarnsystem», als «ferner junger Verwandter jenes Homo Faber, mit dem Max Frisch 1959 die Frage nach der Verantwortung des Technikers für unsere Gesellschaft warnend gestellt hat». «Jede Minute kostet 33 Franken» erschien am 1. Mai 1977 in einer Zeit, als Computer noch grosse und teure Anlagen waren, nur wenigen Spezialisten zugänglich und verständlich. Es ist die alte Welt der elektronischen Datenverarbeitung, die ich in diesem Roman gestaltete, weitgehend aus eigener Erfahrung und im Bewusstsein, dass sich hier eine Technologie und Kultur entwickelt, die in Zukunft die Gesellschaft radikal verändern wird. Ich wollte von dem Unbekannten erzählen, das ich kannte und von dem ich überzeugt war, dass es schon bald das Leben und den Alltag vieler bestimmen werde. Die Technologie war noch so fremd, dass der Limmat Verlag das Wort «Computer» im Titel vermeiden wollte, da es zu wenig geläufig sei. Das Buch begründete auch das literarische Programm des Verlags. Nach einem Vierteljahrhundert sind Computer nun aller Welt bekannt, viele Menschen nutzen sie privat und im Beruf. Die ökonomischen und politischen Folgen sind tief greifend, die weltweite Vernetzung der Wirtschaft, oft «Globalisierung» genannt, wäre ohne Computertechnologie undenkbar. In diesem Sinne ist die Bezeichnung «Frühwarnsystem» sicher treffend. Das Buch war lange vergriffen, nicht mehr aktuell, ein historischer Roman sozusagen, der von der verschwundenen EDV-Technik der Lochkarten und IBM-Mainframes erzählt, vom Ende des Vietnamkriegs und den Protesten der 68er Bewegung, der politischen Nostalgie meiner Generation. Moderne Technologie erlaubt es nun, das Buch in Faksimile neu aufzulegen, im «Print-on-Demand» Verfahren. Für all jene, die sich für die Geschichte der Informatik und ihrer Verknüpfung mit den politischen Bewegungen einer Zeit interessieren, die in vielfacher Weise noch immer Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Atemlos haben wir während des vergangenen Vierteljahrunderts die Entwicklung der Geschichte und der Technologie verfolgt. Welt und Arbeitswelt haben sich grundlegend verändert. Die grossen Fragen sind jedoch ungelöst geblieben: Armut und Unterentwicklung auf der einen, Machtkonzentration und schamloser Reichtum auf der andern Seite. Die Technologie hat die Gräben nicht überbrückt, sondern noch tiefer aufgerissen ­ obwohl sie in sich das Potential zur weltweiten Kommunikation und Verständigung trägt. Unsere Verantwortung ist also nicht kleiner geworden, sondern gewachsen.
Von Emil Zopfi, erfasst im Biblionetz am 25.03.2002

iconDieses Buch erwähnt...


Begriffe
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Computercomputer, Gesellschaftsociety, Kulturculture, Technologisierung des Alltags

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Titel FormatBez.Aufl.JahrISBN      
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Jede Minute kostet 33 FrankenDPaperbackrororo 4800--Bei einer Nebis-Bibliohek ausleihen
 

iconBeat und Dieses Buch

Beat hat Dieses Buch während seiner Assistenzzeit an der ETH Zürich ins Biblionetz aufgenommen. Er hat Dieses Buch während seiner Assistenzzeit an der ETH Zürich zum letzten Mal bearbeitet. Beat besitzt weder ein physisches noch ein digitales Exemplar. Aufgrund der wenigen Einträge im Biblionetz scheint er es nicht wirklich gelesen zu haben. Es gibt bisher auch nur wenige Objekte im Biblionetz, die dieses Werk zitieren.

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